Veränderungen

Schon in meinem letzten Beitrag habe ich angedeutet, dass der Abschied vom Lebenszenit fließend in den Anfang der Rückkehr übergeht, wo wieder markante Veränderungen stattfinden. Das steht außer Zweifel. Der Übergang ist also nicht nur fließend, sondern mehrschichtig. Dabei über-schneiden sich die verschiedenen Erlebnisebenen, die auch in der Literatur beschrieben werden:

Da sind zunächst körperlich-biologische Veränderungen. „Die Reparaturen gehen mit vierzig los“, sagt das Volk. Der Hormonhaushalt stellt sich nicht nur bei Frauen um, sondern auch bei Männern. Vielleicht werden auch deshalb manche um diese Lebenszeit depressiv.

Ebenso stellt sich ein neues Zeitgefühl ein. In der ersten Lebenshälfte ist der aufwachsende Mensch auf die Zukunft aus. Zwar feiert man Geburtstage und muss dabei zurückschauen, doch das Interesse gilt vor allem den Möglichkeiten, die vor einem liegen. Anders nach der Lebensmitte. Die aufsteigende Zählung wird durch eine verrinnende abgelöst. Eine Art Todes-Count-Down beginnt. Ein altes englisches Sprich-wort mahnt daher: This day is  the first of  the rest of your life.

Gezählt wird die „Zeit, die noch zum Leben bleibt“.

Beschrieben wird von den Forschern auch ein Gefühl, das einen Aufstand gegen die Gewöhnung an das Alltägliche ausdrückt. Die Routine stört. Man will aus den eingefahrenen Gleisen des arrangierten Lebens heraus. Ich denke, wir sollten uns den Traum der Jugend nicht zerstören lassen, dass der Umgang jeden Tag miteinander nicht zum Alltäglichen degeneriert, dass die Fantasie nicht er stirbt, die wechselseitige Entdeckung, was schön ist am anderen, nicht verflacht durch die Regelmäßigkeit und Routiniertheit, praktisch die technische „Bedarfsfütterung“ tagaus, tagein. Es gibt ganze Zonen des eigenen Lebens, die waren wie verschlossen und die brechen mit einem Mal auf und gefährden zum Beispiel die Ehe als ein Arrangement, das auf viel zu frühem Konsens geschlossen wurde.

Zu den bedrängenden Gefühlen der Lebensmitte zählen genauso destruktive. Wer sein bisheriges Leben bilanziert, verbucht nicht selten viel Misserfolg und Versagen. Manche haben das Gefühl, Chancen verpasst zu haben. Auf dem Boden solcher Gefühle wächst leicht zerstörerischer Selbsthass.

Nun ist es wichtig, zwischen der Lebensmitte und der Krise der Lebensmitte zu unterscheiden. Das eine ist ein Moment am gedeihlichen Lebenslauf, eine Art „Wachstumsvorgang“, in dem das Leben vorankommt und in eine neue Gestalt übergeht. Die vielfach beschriebene „midlife-crisis“ hingegen ist Symptom der Störung eben dieses Wachstums im Übergang.

Darauf werde ich dann zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen.

© Renate Plöchl, Tel. 0676 31 38 390

 


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