Kinder und Alkohol

Liebe Gemeinde!

Kevin, ein liebenswerter, aufgeweckter Bub aus meiner Nachbarschaft, ist elf Jahre alt, wissbegierig, aufgeschlossen und stets zu einem Small Talk aufgelegt. Manchmal wird daraus sogar ein „richtiges“ Gespräch, in dessen Verlauf er auch Details über seine Familie ausplaudert. Wir begegnen einander meistens, wenn er von der Schule nach Hause kommt oder seinen Dackel „Sokrates“ Gassi führt.

Bei unserer letzten Begegnung erzählte er mir ganz unvermutet eine Begebenheit, die mich überraschte und einigermaßen betroffen machte und die ich deshalb an dieser Stelle wiedergeben möchte. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auch vielfach bezeichnend ist für den Umgang mit Kindern in unserer heutigen Gesellschaft.

Soweit Kevin zurückdenken kann, hat er Menschen gesehen, die Alkohol trinken. Den Vater, die Mutter, den Besuch, den größeren Bruder.  Im Nachmittagsprogramm, im Vorabendprogramm, im Abendprogramm. Immer, wenn Erwachsene etwas zu feiern hatten, wurde Alkohol getrunken. Oder es wurde Alkohol getrunken, weil es nichts zu feiern gab: wegen Liebeskummer, wegen Ärger im Job, wegen Schulden, wegen Einsamkeit. Wann immer das Kind im Fernsehen einsame Menschen gesehen hat, war der Mensch dann mit der Flasche Rotwein, mit dem Gin Tonic, plötzlich nicht mehr allein. Schmeckt das gut, hat der Bub irgendwann gefragt. Mitten im Gastgarten, beim Grillfest mit den Nachbarn, bei den Eltern vor dem Fernseher. Nein, sagten die Erwachsenen, das schmeckt scheußlich, das darfst du nicht haben, das ist ungesund. Aber warum trinken dann alle Leute Alkohol? Das verstehst du noch nicht, Kind. Für das Kind gab es Limos, süße Drinks, süße Snacks, süßen Kram. Da hast du, und sei jetzt still, bitte. Immer etwas zum Nuckeln und zum Knabbern haben. Dann ist das Kind viel stiller.          Mit zehn hat Kevin zum ersten Mal erlebt, dass der große Bruder betrunken war, er war erst 15. Die Mutter war eher verzweifelt, der Vater eher gelassen, fast ein wenig stolz. Irgendwann muss der Bub seinen ersten Rausch haben, sagte er. Kevin ist elf Jahre alt. Vor ein paar Tagen hat er zum ersten Mal mittrinken dürfen. Das war nach der Schule, mit drei größeren Kindern, die sich in der Mittagspause immer Alcopops kaufen. Es war ein tolles Gefühl. Endlich einmal ernst genommen werden von den Größeren. Es war ein Supergefühl. So leicht und lustig. Und es gibt immer noch Leute, die sich wundern, wie das sein kann: Elfjährige, die trinken. Einmal, zweimal, öfter, immer öfter, ständig.

© Renate Plöchl, 0676 31 38 390

 


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